Von GOETZEN bis LIEMBA: Preview – Teil 3

Über die letzten beiden Tage haben wir an dieser Stelle Teil 1 und Teil 2 der kleinen Preview-Reihe für unser Buch über die Liemba, vormals Goetzen, publiziert. Unbeirrt halten wir an unserer Marschroute fest, womit heute der dritte Teil folgt.

Kapitel 7: NINDE – Capitain’s Lunch (Auszüge – Teil 3)

… Der Kapitän langt als Erster zu und schaufelt sich einen dicken Berg auf den Teller. Persönlicher Einsatz muss sich auszahlen, ein afrikanisches Grundgesetz. Auch für Ronaldo, der plötzlich mit leerem Teller und fragendem Blick hinter seinem Chef auftaucht. Er darf zugreifen, ein Teil der Mahlzeit ist ohnehin bereits in der Kombüse verblieben. Kellen und Töpfe werden herumgereicht, niemand wird verhungern. Der Kapitän balanciert einen ersten Löffel zum Mund. Guten Appetit. Beherzt schaufelt die Runde los. Nur einer kann noch nicht essen. Kameramann Stefan. Erst die Filmkunst, dann das Vergnügen. Er dokumentiert die Szenerie. Das Tisch-Ensemble und seine Protagonisten. Den Chef der Filmcrew, Johan, nebst Sohn Streicher. Gideon, Norbert und André. Dazu Rolf und mich. Den Kapitän im Zentrum. Natürlich.

Jetzt muss Titus erzählen, da gibt es kein Pardon. „Seit 15 Jahren fahre ich auf der Liemba. Seit zehn Jahren als Kapitän“, führt er in typisch afrikanischem Englisch aus, um sofort auf weitere Fragen zu antworten. „Ja, verheiratet. Meine Frau hat ein Stoffgeschäft auf einem Markt in Kigoma.“ Drei Kinder habe das Paar. Zwei Mädchen, sechs und vier Jahre. „Mein Sohn ist acht Jahre alt.“ Ob dieser denn ebenfalls Kapitän werden wolle? Vater Titus nickt. Er selbst liebe seinen Job und würde ihn gern ohne Unterbrechung bis zur Rente ausüben. Bald werde er seinen fünfzigsten Geburtstag feiern, ein halbes Jahrhundert alt. „Ein gutes Alter“, wird fröhlich eingeworfen. Nur halb so alt wie die Liemba, deren hundertjährige Geschichte im emsländischen Papenburg begann.

Dort erhielt die Jos. L. Meyer Werft im Dezember 1912 von der Ostafrikanischen Eisenbahngesellschaft den Auftrag, ein Dampfschiff zu bauen, das sich auseinandernehmen und andernorts wieder zusammenfügen ließ. 67 m lang sollte es sein, 10 m breit mit zwei Dreifach-Expansionsdampfmaschinen, was immer das sein mag, und einer Leistung von zusammen 500 PS. Zielgeschwindigkeit 9,5 Knoten.

Zu dieser Zeit war das Meyersche Familienunternehmen selbst schon mehr als hundert Jahre alt. Josef Lambert Meyer, 1846 geboren und zweiter Sohn des Seniors Franz Wilhelm Meyer, stand der Firma in dritter Generation vor. Da nicht Erstgeborener, kam Josef Lambert zunächst nicht als  Unternehmenserbe in Betracht. Vielmehr sollte er in den Holzhandel einsteigen. Dagegen wehrte er sich jedoch, bis der Vater dem Drängen des Sohnes nachgab und ihn in der eigenen Werft das Schiffbauhandwerk erlernen ließ. Zehn Stunden betrug die Arbeitszeit damals. Sechs Tage die Woche. Etwa 38 Pfennig pro Stunde verdiente ein gelernter Arbeiter um das Jahr 1913. „Für ein Dreipfundbrot mussten 60 Pfennig bezahlt werden, für ein Pfund Kaffee 2,10 Mark“, ist der Meyerschen Unternehmenschronik zu entnehmen. Die Werft hatte sich zu jener Zeit einen respektablen Ruf erarbeitet. Bei der kaiserlichen Marine etwa, die eine Reihe von Betriebsfahrzeugen zum Einsatz in den eigenen Werften orderte. Ferner beim Reichskolonialamt, welches ebenfalls einige Aufträge platzierte, so 1893 den Bau der 16 m langen Zollkreuzer Wami und Kingani, die beide vor der Liemba in Deutsch-Ostafrika eingesetzt wurden. Schon damals setzte die Werft auf Innovation und Erneuerung, in der Lambertschen Phase des Familienunternehmens auf die Weiterentwicklung des Produktionsspektrums vom Holz- zum Eisenschiffbau.

Als Namensgeber des neuen Dampfschiffs wurde Gustav Adolf Graf von Götzen auserkoren. Geboren im Jahr 1866, begann von Götzen seine militärisch-diplomatische Laufbahn nach dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Berlin, Paris und Kiel. Mit der Unterzeichnung des Sansibar-Helgoland-Vertrages waren die Grenzen Deutsch-Ostafrikas festgelegt worden, die Erkundung des kaum erforschten Hinterlandes wurde zunehmend dringlich. Von Götzen erhielt den Auftrag, eine Expedition zu organisieren, die ihn in das Gebiet des heutigen Ruanda führte. Dort entdeckte er nördlich vom Tanganjikasee den viel kleineren Kiwusee. …

Wie geplant, werden wir uns schon morgen erneut melden und mit Teil 4 weitere Auszüge aus Kapitel 7 veröffentlichen. Jeder darf gespannt sein.

Also dann bis morgen,

Rolf G. Wackenberg

Die Autoren:  Sarah Paulus  &  Rolf G. Wackenberg

Advertisements
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Von GOETZEN bis LIEMBA: Preview – Teil 3

  1. Pingback: Von GOETZEN bis LIEMBA: Preview – Teil 2 | Von GOETZEN bis LIEMBA

  2. Pingback: Von GOETZEN bis LIEMBA: Preview – Teil 4 | Von GOETZEN bis LIEMBA

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s