Liemba: Erneut zurück in die 70er Jahre

Habari ya Safari? Ich habe gerade Ihr Liemba-Buch fertiggelesen – es ist sozusagen noch warm. Und da kamen bei mir zahlreiche – meist schöne – Erinnerungen hoch. Dazu mit einem original Liemba-Ticket als Lesezeichen!  

So schrieb uns kürzlich Dr. Michael Kahlert, der als unfallchirurgischer Oberarzt in der Nähe von München arbeitet und zwischen September 1978 und März 1981 als Medical Officer für die chirurgische Abteilung des Maweni-Government-Hospitals Kigoma verantwortlich war. Doch lesen wir weiter:

Als ich die LIEMBA zum ersten Mal aus dem Hafen von Kigoma auslaufen sah, saß ich zusammen mit Patrick „Paddy“ Dougherty auf der Terrasse des Lake Tanganjika Hotels und er erzählte mir über die Schwierigkeiten, die es mit sich brachte, die Liemba mit 2 neuen Dieselaggregaten auszustatten. Was aus ihm geworden ist? Ich weiß es nicht.

Damals gab es zwei  Expatriates – Cousins aus Jakarta. Der eine Kapitän, der andere Schiffsingenieur namens AZIM mit der Aufgabe, tansanische Fachkräfte in die entsprechenden Aufgaben auf dem Schiff einzuweisen. Ca. ein Jahr später wurde mir einer von Beiden – ich denke es war Rustam, der Kapitän – morgens um 5 Uhr mit der Trage zu meinem Haus auf dem Krankenhausgelände gebracht – 2 Stunden später lag er auf dem OP-Tisch.

Er wurde wieder gesund und ich war seither nicht nur „Ehrengast“ auf der Liemba, sondern wurde auch bei meinen Windsurf-Touren auf dem See regelmäßig mit dem Schiffshorn begrüßt. Der damalige „Hafenmeister“ war der Italiener Toni Brescia – schon viele Jahre in Ost-Afrika. Er versäumte nie, seinen zahlreichen Gästen von dem Foto zu erzählen, das von ihm (eher um die 160cm) und John Wayne (eher um die 190cm) anläßlich des Hollywood-Schinkens Hatari 1962 geschossen wurde. Jane Goodall war zwischen 1978 und 1982 auch häufiger in Kigoma. Ich habe sie zuletzt vor 3 Jahren in Salzburg anlässlich eines Vortrags (roots&shoots) getroffen.

Ich bin viele Jahre mit der Idee schwanger gegangen, aus der LIEMBA oder einem ähnlichen Schiff eine OP-Einheit sowie ein Zentrum für medizinische Fortbildung in Ostafrika zu machen. Per Zufall habe ich vor ca. 3 Jahren erfahren, dass diese Idee von meiner amerikanischen Kollegin Amy Leeman konsequent und mit viel Enthusiasmus zu Ende geträumt wurde. Das Ergebnis ist, wie Ihnen Anderson Nkwayu sicher erzählt hat, LTFHC. 

Aus dieser ersten Mail entspann sich ein reger Gedankenaustausch, dem wir weitere interessante Geschichten verdanken – auch in Ergänzung zu den Fakten, die wir vor einiger Zeit an dieser Stelle von Dieter Nattmann veröffentlicht hatten:

Habe gerade mit Igor Hirsch telefoniert – er war von 1977 bis 1979 mit dem DED als Architekt in Kigoma und der direkte Nachfolger von Dieter Nattmann – mit dem er noch in Kontakt ist. Über eine Jungfernfahrt der Liemba ist ihm leider nichts bekannt, dennoch glaubt er, Paddy sei noch bis 1979 in Kigoma gewesen. Ich kam im September 1978 – nach einer 2-monatigen Gastlandvorbereitung nach Kigoma und habe auch die ersten Wochen bei Igor und Irina Hirsch gewohnt bis ich eine Unterkunft im Hospitalgelände – leider ohne Möbel – beziehen konnte. Es muß wohl im Oktober/November 1978 gewesen sein, als ich mit Paddy auf der Terrasse des damaligen Kigoma Hotels die Liemba zum ersten Mal auslaufen sah und mir Paddy erstmals seine Rolle hierbei erklärte. Inwieweit es nur eine „Probefahrt“ war oder eine reguläre Fahrt, ist mir nicht bekannt. Ich bin mir jedoch relativ sicher, daß ich im Dezember 1978 eine Freundin aus Deutschland in Bujumbura abgeholt und mit ihr auf der Liemba zurück nach Kigoma gefahren bin! 

Im Dezember 1978 bekam ich auch „Verstärkung“vom DED: Dr. Reinold Hillebrand stand eines Tages vor der Tür mit der Aussage, er solle jetzt hier auch arbeiten. Er bezog die zweite Hälfte des Häuschens und wir richteten uns auf gemeinsame 2 Jahre ein, so eine Art „Männerehe“ mit zwei schwarzen Hunden (Whisky und Soda), einem gemeinsamen Surfbrett, kleinem Garten und eigener Brot-, Wein- und Käseproduktion.  Reinold (heute in Kappeln a.d. Schlei) beendete seinen 2-Jahresvertrag im Herbst 1980, während ich noch ein halbes Jahr verlängerte, um unseren Nachfolgern, Dr. Thomas Hoppe und Dr. Thomas Kühn, mit ihren Familien den Staffelstab zu übergeben. 

Ein medizinischer Vorgänger – ca. 1975-1977, ebenfalls vom DED – war Dr. Chistian Methner (Mswahili kweli!). Über ihn sprach man noch zu meiner Zeit häufig im Krankenhaus, denn er hatte doch tatsächlich die tanzanianische OP-Schwester Katharina geheiratet, mit der entprechenden Anzahl an Kühen als Brautgeld und allem Drum und Dran, um mit seiner Frau dann in Berlin zu leben, wo sie es, wie sie mir später berichtete, nicht einfach hatte, beruflich wieder Fuß zu fassen.

Über eine recht lange Periode ab ca. 1970 gab es die Baptisten in Kigoma: freundliche und enorm hilfsbereite Amerikaner, die mit allem sehr gut ausgestattet waren, regelmäßig auf die Jagd gingen und die „armen“ Entwicklungshelfer mit Fleisch versorgten oder mit dem Gewehr vorbeikamen, wenn sich eine Python in den Garten verirrt hatte. Ein gewisser Dr. Todd (einer der Baptisten) sei angeblich auf Wasserskiern von Mgambo bis nach Kigoma gefahren. Bei den Baptisten lagerten auch die Reste des Segelbootes, mit dem ein Amerikaner von Sambia nach Norden gefahren ist, um in Kigoma sofort wegen Spionage verhaftet zu werden. Beweis: zahlreiche Bleistiftskizzen von der Küste – muß wohl lange vor Google Maps gewesen sein. Er mußte angeblich binnen 48 Stunden das Land verlassen, was in der Tat von Kigoma aus nicht immer einfach war und ist.

Dann gibt es noch die Geschichte von einem sehr introvertierten, jungen holländischen Entwicklungshelfer im Jahre 1980, dessen Idee es war, sich selbst ein Paddelboot zu bauen. Die dicken, harten, tropenhölzernen Planken hat er in unzähligen Stunden mit der Handsäge in schmale Bretter gesägt. Nach vielen Monaten war das Boot endlich fertig und wurde, nachdem er alle Fugen mit Bienenwachs abgedichtet hatte, zu Wasser gelassen. Tja, dann ist der Pechvogel mit seinem Boot untergegangen. Wachs in der Sonne. Der Ikarus des Tanganjikasees.

Übrigens – 1979 oder 1980 hat uns der SPIEGEL-Redakteur Gunnar Ortlepp besucht. Sein Reisebericht, u.a. auch über Kigoma, wurde ein paar Monate später im SPIEGEL veröffentlicht.

Mehr brauche ich heute nicht zu schreiben. Die Geschichten stehen ganz sicher für sich, oder?

Ganz herzlichen Dank an Dr. Michael Kahlert.

Sarah Paulus

Die Autoren:  Sarah Paulus  &  Rolf G. Wackenberg

 

 

Advertisements
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Liemba: Erneut zurück in die 70er Jahre

  1. Pingback: Patrick “Paddy” Dougherty | Von GOETZEN bis LIEMBA

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s