Ein offener Brief

Kurz nachdem wir das vergangene Jahr mit einem eher nachdenklichen Beitrag beendet hatten, erreichte uns eine Nachricht des früheren Ersten Vorsitzenden des Vereins Run Liemba, Michael Berg. In seinem Text bilanziert er kritisch die bisherigen Ergebnisse der deutschen Bemühungen um eine Sanierung der Liemba, vormals Goetzen. Mit freundlicher Genehmigung dürfen wir den ‚offenen Brief‘ an dieser Stelle in vollem Wortlaut veröffentlichen:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit dem Jahr 2015 beende ich meine Tätigkeit für den Verein Run „Liemba“ e.V. Als Gründungsmitglied und ehemaligem Ersten Vorsitzenden fiel mir dieser Schritt nicht leicht. Ich gelangte jedoch zu der Überzeugung, daß eine Generalinstandsetzung des MS Liemba im Rahmen eines staatlich-deutschen Entwicklungsprojekts keine Aussicht mehr auf Realisierung haben wird.

Ausgehend von der technischen Machbarkeit war ich zunächst versucht, das Vorhaben einer Generalinstandsetzung des Schiffes als „leicht zu bewältigen“, gar „primitiv“ zu bezeichnen.

Um so beachtlicher hingegen erscheint die Herangehensweise des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), dem im Falle der Realisierung des Projekts eine zentrale Bedeutung zukäme. Innerhalb des Ministeriums zeigt sich bezüglich des MS Liemba nicht lediglich Desinteresse oder Unfähigkeit. Vielmehr wurde das Projekt Liemba durch das BMZ stets und konsequent verzögert und hintertrieben – oder anders ausgedrückt: Torpediert und versenkt.

Neben offenkundig fehlerhaften Gutachten (Dr. Martin Schramm, Hamburg Port Consult, 2010), vergebenen Chancen bei bilateralen Gesprächen (Endprotokoll vom 27.4.2012, unterzeichnet von Mr. Khijjah und Dr. Mohs) macht sich beim BMZ das Fehlen eines allein für das MS Liemba zuständigen Projektkoordinators bemerkbar, der gezielt in kontinuierlichem Austausch mit der tansanischen Seite steht – primär mit dem MSCL, sowie nachrangig auch mit den übergeordneten tansanischen Ministerien. Die afrikanische Mentalität unterscheidet sich diesbezüglich wesentlich von der unsrigen; persönliche Kontakte müssen sehr viel intensiver geführt werden, auch und gerade jenseits offizieller Anlässe. Dieses Detail nicht zu berücksichtigen verhindert von vornherein eine gleichberechtigte Entwicklungs“kooperation“ auf Augenhöhe.

Statt dessen wird mit den traditionellen Methoden der Entwicklungs“hilfe“ gearbeitet, im Rahmen derer die Erste Welt – nach einer hundertfünfzigprozentigen Prüfung – die Dritte Welt mit einem Projekt beglückt, oder eben auch nicht. Auch im Falle der Liemba sind umfangreiche Prüfungsschritte zu absolvieren: Neben einem bereits erstellten Rechtsgutachten sowie den diversen technischen Inspektionen der letzten Jahre soll noch eine „vollumfängliche Prüfung“ erfolgen. Ebenso sollen Aspekte des „Bedarfs“, der „Gesamtkosten“, der „Kosten-Nutzenrelation“ und – besonders beeindruckend – der „Nachhaltigkeit“, der „sozioökonomischen“, „soziokulturellen“ sowie der „ökologischen Auswirkungen“ untersucht werden.

Geradezu weltfremd wird es, wenn weiter untersucht werden soll, inwiefern der Eigner zu einem „sozial“, „betriebswirtschaftlich“ und „ökologisch nachhaltigen“ sowie „korruptionsfreien Betrieb“ in der Lage sei.

Pointiert zugespitzt: Vor hundert Jahren lieferte die deutsche Industrie innerhalb von zwei Jahren ein Schiff nach Afrika. Heute liefert die Politik nach über fünf Jahren kleinkarierte Bedenkenträgerei, gepaart mit einer überbordenden Regelungswut. Die Industrie liefert nichts.

Hinzu kommt, daß die Planungen des BMZ keinerlei alternative Option in Form eines Neubauschiffes vorsehen: Somit bedeutet eine Entscheidung gegen eine Generalinstandsetzung der Liemba für die Schiffahrt auf dem Tanganjikasee einen eklatanten Rückschritt, auch und gerade unter Sicherheitsaspekten. Dies zunächst in Form des weiteren Betriebs einer Liemba mit ihren zunehmenden technischen Ausfällen, vor allem aber nach ihrer letztendlich zu erwartenden Stilllegung. Bereits heute ist bei einem Ausfall der Liemba zu beobachten, daß Reisende auf kleine Fischerboote ausweichen. Die Risiken dieser rückschrittlichen Entwicklung – speziell bei Nacht, Regen bzw. Sturm – sind offensichtlich: Seit der Jahrtausendwende kam es auf dem gesamten Tanganjikasee zu mindestens vier größeren Unglücken: Am 24. 3. 2003 mit 111 Toten, am 30. 1. 2008 mit mindestens 100 Toten, am 15. 12. 2014 mit 120 Toten sowie am 16. 1. 2015 mit 12 Toten. Vor diesem Hintergrund relativiert sich der Umstand vollkommen, daß eine sanierte Liemba unter Sicherheitsaspekten möglicherweise „nur“ die zweitbeste Lösung darstellen könnte.

Diese ganze Entwicklung ist auch deshalb um so bedauerlicher, da eine Instandsetzung der Liemba aufgrund ihrer gemeinsamen deutsch-afrikanischen Geschichte ein einzigartiges Entwicklungsprojekt für Deutschland darstellen würde. Die Liemba könnte ein Aushängeschild für die deutsche Entwicklungskooperation sowie ein eindrucksvolles Beispiel für den Qualitätsstandard „Made in Germany“ sein.

Last not least stellt eine effiziente und unkomplizierte Entwicklungshilfe speziell in der heutigen Zeit das Gebot der Stunde dar. Gegenwärtig hat es unser Land mit einem vollkommen unkontrollierten Zuzug an Ausländern zu tun, von denen ein gewisser Teil durchaus als Wirtschaftsflüchtlinge betrachtet werden muß. Die voraussichtlichen Kosten für diese Menschen werden nach gegenwärtiger Schätzung eine Milliarde Euro weit übersteigen. Auch in Tansania habe ich auf meinen Reisen mit Menschen gesprochen, die ihre Zukunft im vermeintlich „goldenen“ Europa sahen. Diese Menschen in ihrem Land zu halten, erfordert eine effiziente Hilfe vor Ort – jenseits pseudointellektueller Diskussionen über „soziokulturelle Auswirkungen“ bzw. „korruptionsfreie Betriebsmöglichkeiten“.

Zu all dem gäbe es noch mehr zu sagen; dies würde jedoch den Rahmen dieser Mail sprengen. Unter Zuhilfenahme mir vorliegender Quellen befasse ich mich gegenwärtig mit der Niederschrift eines Textes, der neben der Geschichte der Liemba auch die gegenwärtige Situation des Schiffes beleuchten wird. In jenen Text werden auch die langwierigen politischen Entwicklungen um das Projekt „Generalüberholung Liemba“ mit einfließen. Dieser Text wird in geeigneter Form veröffentlicht werden.

Mit freundlichen Grüßen,
Michael Berg

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Eine Antwort zu Ein offener Brief

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